Lars Rosenbohm | Denk nie an gestern

Einführung in die Ausstellung von Ann Kristin Kreisel, Kuratorin im Marta Herford

Was war eigentlich gestern? War gestern alles so wie heute? Und würde sich etwas verändern, wenn wir bis morgen warten?

Schon beim ersten Blick von der Straße auf das große Schaufenster der Galerie wird der Betrachter mit einer gewissen Dynamik zwischen Öffnung und Abgrenzung begrüßt. Der Blick bleibt an einer Art Barrikade hängen aus rückwärtig in das Fenster gestellten Leinwänden und Verpackungen, einer Papierrolle und verschiedenen daran installierten und voreinander gestaffelten Rahmen, Leinwänden, Drucken, Malereien und Fotos. An eine Lagersituation erinnernd, nimmt diese dem Besucher den Einblick in die Ausstellungsräume, sein Blick wird aber zugleich von etwas ganz anderem angezogen: von zwei schachtähnlichen, auf eine Pappe gemalten Augen.
Handelt es sich um Selbstporträts oder um fremde kleine Wesen? Jedenfalls ist es auch im Inneren des Raumes so, als würde die Galerie von zahlreichen zweiäugige Mitbewohnern bevölkert. Überall luken aus verborgenen Winkeln und glatten Wänden, hinter Leinwänden und auf Papieren Augen hervor und treffen den suchenden Blick des Betrachters.
In der Kunstgeschichte taucht das Auge – das Organ der Erkenntnis – als Symbol für die Hinterfragung der rationalen Logik auf und verweist auf sozial, persönlich und kulturell geprägte Sichtweisen, die unserem Blick stets innewohnen. So ist auch unser eigener Blick auf uns selbst nie rein subjektiv, sondern von unserer Prägung abhängig.

Aber wer schaut hier eigentlich wen an und warum?

Man bekommt schnell das Gefühl, als würde sich hier etwas verselbstständigen und die einzelnen Elemente sich zu einem großen Ganzen verbinden. Und auch wenn die Malereien und Zeichnungen zunächst vielleicht als Einzelwerke entstanden sind, so werden sie in der aktuellen Installation zu einer komplexen, aus verschiedenen Bildträgern, Malschichten und Materialien bestehenden, raumgreifenden Installation, bühnenbildartigen Inszenierung und vielschichtigen Erzählung. Auch die separat gehängten Werke gehen eine Verbindung mit allen weiteren Arbeiten im Raum ein, greifen ihre Fragen auf, zitieren, führen aus und denken weiter.

Rückwärtig in den Raum gestellte Leinwände und zusammengerollte bemalte Papiere verbergen ihren Inhalt und werden zu dreidimensionalen skulpturalen Objekten. Den Werken ist ihre Geschichte eingeschrieben, die sie nun im Raum nach außen tragen. So werden beispielsweise einzelne Rollen nach jahrelangem Verharren in der gleichen Position nun wieder entrollt und an die Wand montiert. Ihre Form behalten sie zum Teil bei, wölben ihre Enden dreidimensional in den Raum und erobern die Galerie mit skulpturaler Geste. An anderen Stellen sind es beschnittene Papiere, die ihre Überbleibsel wie Fühler ausstrecken, Kontakt herstellen zu andern Elementen und sich schließlich mit dem Boden oder anderen Werken zu verbinden scheinen.
Diese Art von Präsentation hat bereits eine lange Tradition bei Lars Rosenbohm und sie verdeutlicht das Prozesshafte in seinem Werk. Der als fertig zu beschreibende Zustand nimmt hier nicht den höchsten Stellenwert ein, wird vom Künstler nicht angestrebt, sondern gerade Zufälligkeiten, der Umgang mit dem Fundus, Lagerungsprozesse und stetige Veränderungen des Bestehenden sind wichtige Bestandteile seiner künstlerischen Arbeit. So vereinen sich in der Ausstellung Werke aus ganz unterschiedlichen Jahren und aus verschiedenen Werkphasen. Der Künstler selbst beschreibt das Verfahren des Prozesshaften und die Arbeit mit dem Übergang als einen inneren Antrieb, etwas fast Zwanghaftes, das ihn umgebende Material in immer neue Kontexte zu stellen, um Gedankengänge abzubilden, weiterzudenken und sich stets neuen Perspektiven auszusetzen.

Die Vielschichtigkeit und Überlagerung der Ebenen, die figürlichen Anklänge und abstrakten Ausführungen verführen den Betrachter zum näheren Hinsehen, zum Entdecken. Fast als könne man sich nicht mehr lösen, gefangen in den vielschichtigen, zart schimmernden, aquarellartigen Partien und gleichzeitig brutal gegossenen, überdeckenden Acryl- und Tuscheschichten, stößt man auf Spielerisches, zur Reflexion Anregendes, erschreckend Abgründiges, Humorvolles, nachdenklich Machendes, Tiefgründiges, Gruseliges und manchmal auch Banal Scheinendes:
So findet man beispielsweise immer wieder Bezüge zum altbekannten Motiv des Smileys: dem guten alten Grinsegesicht, ein Relikt aus den 80er und 90ern, das über den Dingen stehend unsere Gesellschaft stets verlässlich zu belächeln schien.
Fast wirkt es, als hätte Lars Rosenbohm einige von ihnen in die Jetztzeit katapultiert und gäbe ihnen in seinen Werken als vielschichtige Mutationen ihrer selbst einen neuen Lebensraum. So verhindert er, dass sie das quälende Schicksal erleiden, als Emoticons zu omnipräsenten Stimmungsbarometern zu werden und als Ersatz für reale Emotionen eingefroren als nervige Fratzen auf den Handybildschirmen der Welt zu erscheinen. Rosenbohms Gesichter versagen sich dieser emotionalen Abstumpfung, in dem sie sich nicht festschreiben lassen, ihre Lesart changiert abhängig vom Betrachter zwischen tragischkomisch, herzergreifend und teils auch erschreckender Bildgewalt.

Das nicht Festlegen auf die eine gültige Erzählung und festgefahrene Sichtweise offenbart sich genauso in Rosenbohms stetigem Prozess des Zeigens und Nichtzeigens, dem Aufbruch der statischen Situation, der Überlagerung, Übermalung, brutaler Überdeckung und Streichung von Bildgründen und Motiven. Vornehmlich in schwarzer Farbigkeit und in vehementer Geste wird es zu etwas sehr Existenziellem: dem Versuch des Auslöschens und dem damit verbundenen Neuanfang, der Neuinterpretation von immer wiederkehrenden Motiven, so als gäbe es immer neue Erzählstränge, einen nie endenden Sog zur Auseinandersetzung mit dem absurden Weltkarussel.