KOMPONIERT – GEORDNET – GRUPPIERT
Merle Lembeck | Monika Witte | Helene Wolf

Einführung in die Ausstellung von Gabriele Undine Meyer, Galerie GUM

Die Ausstellung mit dem Titel KOMPONIERT – GEORDNET – GRUPPIERT, die wir heute hier in der Galerie GUM eröffnen, ist eine von vier Ausstellungen im Rahmen von BIOS<>OSBI.
BIOS<>OSBI ist der 2., nämlich der Bielefelder Teil einer Kooperation zwischen 16 Künstlerinnen und Künstlern aus Osnabrück und Bielefeld, die 2016 ihren Anfang nahm. Die Gesellschaft für zeitgenössische Kunst und die Künstlerinitiative TOP.OS Verein für Neue Kunst, beide aus Osnabrück und Bielefelder KünstlerInnen von Artists Unimited initiierten ein Ausstauschprojekt zwischen Künstlern und Künstlerinnen beider Städte. Über mehrere Monate ging die Städte-übergreifendePlanung, bis im Herbst 2017 die erste von vier aufeinanderfolgenden Gruppenausstellungen im Kunstraum hase29 in Osnabrück eröffnet wurde. Der Titel der Ausstellungsreihe war BIOS, ein Kunstwort, entstanden durch das Zusammenziehen der Anfangsbuchstaben beider Städte, das aber auch die Assoziation zu einem lebendigen Gebilde zulässt. Und lebendig ging es zu bei der Entwicklung, den Vorbereitungen und schließlich den Ausstellungseröffnungen.

Nun findet hier in Bielefeld der zweite Teil statt. Es ist so etwas wie eine Gegeneinladung, an der aber auch wieder, wie zuvor in Osnabrück, die Gastgeber aktiv, das heißt durch eigene Ausstellungsbeiträge beteiligt sind. In neuen Zusammensetzungen zeigen die 16 Künstlerinnen und Künstler in vier Gruppenausstellungen ihre Arbeiten. Die Ausstellungen sind unter gänzlich anderen Bedingungen entstanden als in Osnabrück, und es gibt jetzt keine Wiederholung der ersten Ausstellungsserie. Hier in Bielefeld gibt es – leider – nicht einen großen niederschwelligen Ausstellungsort in der Innenstadt, der für derartige auch regionale Kunstausstellungen zur Verfügung steht. Die hase29 war mit ihrer großzügigen Architektur wie geschaffen für die Gruppenausstellungen.
Für die zweite Runde stehen in Bielefeld immerhin vier interessante und kompetente Off-Galerien zur Verfügung: die Artists Unlimited Galerie, das atelier D, die Raumstation und die Galerie GUM.
Hier und heute sehen Sie nun also also die Ausstellung unter dem Titel KOMPONIERT – GEORDNET – GRUPPIERT mit Arbeiten der Osnabrücker Künstlerinnen Merle Lembeck und Monika Witte und der Bielefelderin Helene Wolf.
Wie wir sehen können, werden drei recht unterschiedliche Positionen präsentiert, die aber in den nicht sehr großen Räumlichkeiten der Galerie GUM erstaunlich gut nebeneinander bestehen können, sich gegenseitig nicht stören, ja vielleicht sogar unterstützen.

Ihre Arbeit mit dem Titel „doing singularity“ bezeichnet die Künstlerin Helene Wolf als partizipative Installation.
Was wir sehen, wirkt fragmentarisch, der große Wand-und Bodenrahmen ist nur zum Teil gefüllt, und in Verbindung mit dem Titel „doing singularity“ stellen sich mir manche Fragen dazu. Das „doing“ verweist auf den Prozess, der wie unterbrochen oder abgebrochen wirkt. Ein Stapel gerahmter Bilder liegt auf dem Boden, ein anderer in einem Karton. Soll und darf noch und wenn ja, von wem? weitergearbeitet werden? Vermittelt sich der Aufforderungs-Charakter einer partizipativen Installation? Um wessen Singularity, um wessen Besonderheit oder Einmaligkeit geht es?
Aus Helene Wolfs intensiver Sichtung von Printmedien ist eine umfangreiche Sammlung von Bild- und Textmaterial entstanden, die analysiert, GRUPPIERT und thematisch sortiert wird. Der Wahrnehmung der Künstlerin gemäß nehmen bestimmte Themen wie Wohnen, Essen, Reisen, Körper etc. in diesen Medien großen Raum ein – und nach der Deutung der Künstlerin entsprechend auch im Leben ihrer Leser und Nutzer. Die Mediennutzer*innen orientieren sich an diesen Vorgaben, an den Vor-Bildern und scheinen daran ihre ihre vermeintliche Singularität zu entwickeln. Erstaunlich ist eigentlich: aus dem Vorgestanzten und massenhaft Vorgeführten soll Einzigartigkleit entstehen? Aus Wolfs großem Fundus ist schließlich eine Auswahl gerahmter Bilder und Collagen entstanden, die hier in der Installation zu sehen oder auch nicht wirklich zu sehen ist.

Merle Lembecks neue, hier installierten Objekte mit dem Titel „Feeling Prickly“ sind wie eine wirklich sehr eigen-artige, um nicht zu sagen, singuläre KOMPOSITION im Raum. Ich vermute, etwas derartiges haben wir alle noch nicht gesehen. Um zunächst noch bei dem Begriff KOMPONIERT zu bleiben: Ich finde, wie in die Länge gezogene Töne streben sie von den Wänden in die Mitte zu diesen seltsamen Verdickungen, aus denen kleine Metallröhren nach oben oder nach unten zeigen. Ich würde mich nicht wundern, wenn tatsächlich ab und zu Töne oder wenigstens Luft daraus entweichen würde. Schwingen können diese hängenden, schwebenden Knubbel auch, wenn man sie ein wenig anstößt - was den Betrachter*innen aber leider nicht gestattet ist - und dann wirken sie in ihrer kreaturhaften Gestalt fast lebendig. Diese ungewöhnlichen Objekte fühlen sich nicht etwa „pretty“, wie man den Titel leicht falsch verstehen kann, sondern „prickly“, also stachlig, und sie bestehen aus Fahrradschläuchen und Ventilen. Merle Lembeck entwickelt in der bildhauerischen Arbeit ihre Werke aus dem Experimentieren mit Material und bevorzugt dabei die Farbe Schwarz. Die hier gezeigte Installation entstand während eines Künstlerstipendiums in diesem Jahr aus recyclebarem Material und als Reaktion auf die architektonische Situation des Ausstellungsraumes.

Monika Witte zeigt ihre Arbeit im Wohnzimmer der Galerie GUM. An der Wand über dem roten Sofa sieht man ein großformatiges GEORDNETES Arrangement, bestehend aus einer Farbfotografie, einer Zeichnung und Schwarz-weiß-Fotografien. Auf dem Monitor links daneben läuft im Loop ein Video mit der Tonspur des Herzschlags der Künstlerin. Die Wandcollage thematisiert das Sterben des Waldes. Auf der großen hochformatigen Farbfotografie sieht man eine Gruppe hoch in den bedeckten Himmel aufragende Bäume – oder besser Baumgerippe. Diese Bäume sind bereits tot. Auf diesem Foto ist die Zeichnung einer jungen Frau aufgebracht, die halb in sich gekehrt und nachdenklich aus dem Blatt herauszublicken scheint. Und doch ist sie eng mit den sterbenden Bäumen verbunden, denn ihre Stämme verlängern sich in der Zeichnung in ihren Kopf. Und auch ihr Kopf ist in Richtung einzelner Bäume gedreht, die auf der rechten Seite zu sehen sind. Es ist eine Situation, die für mein Empfinden wenig hoffnungsvoll ist und sich auf den Umgang der Menschen mit der Natur bezieht. Die Künstlerin fragt danach, was der nachfolgenden Generation hintelassen wird. Monika Witte setzt sich in ihrer aktuellen Arbeit vorwiegend mit der Verletzlichkeit und Vergänglichkeit des Lebens auseinander und stellt auf sensible Weise kritische Fragen zur Haltung des Menschen zur Natur und zum Planeten Erde.