• Galeristin GUM

FRANJO THOLEN | 1960 – 2021 |



"Jeder Eingriff wirkt erheblich."


Ein Nachruf von Christiane Heuwinkel, Künstlerische Leiterin und Geschäftsführerin, Kunstforum Hermann Stenner, Bielefeld


Franjo Tholen nahm sich zurück. Im Gespräch war er zurückhaltend und interessiert zuvörderst am Gegenüber. Er brachte die Anderen zur Sprache, bevor er selbst sprach. Und wenn er dann sprach, war das Gegenüber verblüfft, beeindruckt von seiner präzisen Wahrnehmung, seinem Wissen und seiner Lektüre, seinem sensiblen Erfassen des Gesprächszentrums. Franjo Tholen ließ den anderen Zeit. Er ermöglichte ihnen Raum zur Entfaltung, bot ihnen in seiner hochreflektierten Kunst Material zur Erkenntnis.


Dabei arbeitete er mit Bild- und Textfundstücken. Er sammelte, archivierte und ordnete, trat dabei hinter die Bilder zurück und stellte in neuen Kontexten bislang unentdeckte Zusammenhänge her. 1998 zeigte er im Rahmen der Ausstellung „10.1“ in der Kunsthalle Bielefeld scheinbar unkommentiert Fotografien sog. „Godchildren“, „Patenkinder“. Eine gängige Praxis von Hilfsorganisationen in den 1960er-Jahren war es, mit anrührenden Fotografien von schwarzen „Heidenkindern“ um Spenden zu werben. Das Kalkül der Wohltätigen war es, durch die Namensgebung mit christlichen Vornamen und die Herstellung persönlicher Bindungen zu den „erwählten“ Kindern, die christliche Botschaft zu verkünden und die Emotionalisierung zu nutzen, um „gute Taten“ zu generieren. Durch die Ausstellung dieser gnadenlos sympathischen „Patenkinder“ entlarvte Franjo Tholen den paternalistischen Gestus und untergründigen Kolonialismus jener Maßnahme, die die scheinbare Nähe ausnutzte, um Klischees der hübschen „Josefs“, „Elisabeths“ und wie sie auch hießen, in unser Denkgefüge einzupassen. Jene Ausbeutung schwarzer Menschen zeigte der Künstler auf, lange bevor der Postkolonialismus den gesellschaftlichen Diskursmainstream erreicht hatte. Präziser und schneidender konnte Ideologiekritik wohl kaum formuliert bzw. kunstpraktisch umgesetzt werden.


„Transfigurationen“: Mit dem Elektronenmikroskop fotografierte Tholen Kruzifixe von Rosenkränzen und schuf dabei aus dem trivialisierten Bild des Erlösers individuelle Porträts von Christus, die sich durch den Gebrauch, die Benutzung, den Abrieb ergaben. Aus gefundenem Material standardisierter Religionspraxis wurden durch den mikroskopischen Blick individuelle Porträts des geschundenen Erlösers. Die Rückführung in eine Wahrhaftigkeit gelang dem Künstler durch einen technischen Prozess, der dem vorgegebenen Gegenstand eine bislang ungesehene Qualität abrang.


„Jeder Eingriff ist erheblich“, schrieb Franjo Tholen zu seiner Fotoserie „Recover“ und benannte damit seinen künstlerischen Ansatz in seiner so prägnanten wie zurückhaltenden Wortwahl. So ist es kein Zufall, dass er selbst auch schrieb und wunderbare Essays formulieren konnte. Bereits in dem 1992/93 erschienenen Band zur Ausstellung „Weltweit. Begegnungen mit der Fremde“ nahm er als Schreibender teil, der die Geschichte der Wahrnehmung des Fremden in einem philosophischen Essay durchdachte. Dass sein künstlerisches Fazit seines Stipendiums in der Casa di Goethe in einem fulminanten Text-Bild-Essay das Nachdenken über Goethes „Arkadien“ mit Lavaters physiognomischen Studien und der Webcam des Kreuzfahrtschiffs „Arcadia“ verschränkte, war folgerichtig.


Tholens Projekte verbanden Bild und Text, Gedachtes und Gemachtes, Theorie und Praxis, Geschichte und Gegenwart, häufig durch das anscheinende Paradoxon der Lücke. Im Beobachten der zunehmenden Fragmentierung der Welt unternahm er das Aneinanderfügen scheinbar disparaten Materials. Die Erkenntnis entstand dabei nicht durch das heilende „Verkleben“ der Bruchstücke, vielmehr durch das Offenlegen der Lücken, das Zeigen der Fragmente als Wunde.

Mit diesem Wundschmerz umzugehen, ist die Aufgabe der Rezipient:innen seiner Kunst. Nur indem wir mitdenken, mitfühlen, miterkennen, vollendet sich sein Werk: ein Angebot des Künstlers, mit ihm auf Augenhöhe zu denken und zu erfahren.


Dass er damit durchaus überfordern konnte, zeigte sein letztes großes Kunstprojekt in der Alten Synagoge in Oerlinghausen 2018, in das er ungeheuer viel Energie gesteckt hatte: „In Echoräumen hausen“. Eine Synagoge, die der nazistischen Reichspogromnacht 1938 mit ihren Zerstörungen durch einen Notverkauf knapp entkommen war und seit Jahren, kaum hinterfragt, zum Raum für Kunst umgewidmet ist, in enger Nachbarschaft zu einer christlichen Kirche, die über Jahrzehnte ein Kriegsdenkmal unkommentiert an ihrer Außenfassade beließ, und ein Kriegsdenkmal in nächster Nähe, das als Ausflugsort sowohl von Wanderern wie von Rechtsradikalen genutzt wird: Das war eine Konstellation, die Franjo Tholen als Historiker, Philosophen, bildenden Künstler und auch Kunstvermittler herausfordern musste. Er hat sich dieser Herausforderung gestellt.

Die empörten, z. T. aggressiven Reaktionen vor Ort, zeigten, dass seine„kleinen Eingriffe“ „erheblich“ waren, denn die Bürger:innen zeigten sich wenig gewachsen, aus ihrer Komfortzone zu treten und unbequeme Wahrheiten über sich selbst zuzulassen.


Überforderung: Das ist nicht das Schlechteste, was man als Qualität von Kunst erkennen kann. So zurückhaltend Franjo Tholen im persönlichen Umgang auch wirkte, so fordernd und herausfordernd trat er mit seiner Kunst auf. Wir werden seine Klarheit im Denken, seine Präzision in der Kunst und seine Fähigkeit zur Freundschaft und Nähe sehr vermissen.

BETTER HALF

+ET | -RB [SF]














Mit der einer Auswahl aus der Serie Better Half [retuschierte Pressebilder, die für die Berichterstattung über Prominentenpaare in den 50er/60er/70er Jahren genutzt wurden] nahm Franjo Tholen 2017 an der Gruppen-(Verkaufs-)Ausstellung AUFLAGE #2 – Originale, Editionen, Multiples – in der Galerie GUM teil. Galerie GUM, Auflage #2

Ausstellungsansicht

168 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen