• Galeristin GUM

KÜNSTLERBÜCHER von GUM

Aktualisiert: 16. Dez 2020


2020 war trotz allem – auch – ein gutes Jahr!

Ich habe u.a. drei Fotobücher gemacht. Das erste Buch mit dem Titel "90 Tage" entstand aus einer Aktion, die ich während des ersten Lockdowns entwickelte. Beginnend am 1. April nahm ich jeden Tag ein Foto aus dem unmittelbaren alltäglichen Umfeld auf und bearbeitete es anschließend digital.

Neunzig digital übermalte Farbfotografien dokumentieren meine ersten drei Monate des Corona Lockdowns als ein vielfältiges Stimmungsbild. Sie zeigen den Versuch, mich mit einfachen Mitteln (Kamera und Zeichenprogramm des Smartphones) innerhalb und trotz der verordneten Einschränkungen zu "bewegen". Durch die verordneten Einschränkungen zurückgeworfen auf die eigenen Gedanken, Gefühle und Befindlichkeiten, beschränkt auf Kontakte zu wenigen Menschen und auf engen räumlichen Radius entstand eine Arbeit mit einer festgelegten Struktur.

Der Lockdown bot in besonderer Weise zu resümieren, und es entstanden als weitere Bewegung sechs Texte: "Listen", mittels derer ich sowohl zurück als auch in Gegenwart und Zukunft blicken konnte: "Liste von Kunstwerken", "Liste von Listen", "Liste von Musikstücken aus der Jugend", "Liste von Romananfängen" und "Liste von überflüssigen Dingen".

Die Fotos aus dem Alltag während einer noch nie dagewesenen Situation zeigen persönliche Blicke z.B. auf das ruhende Kunstprojekt, eine Kirchenbestuhlung ohne Besucher*innen, Rosen im Garten, Masken-tragende Menschen an einer Stadtbahn-Haltestelle etc. Die alltäglichen, eher dokumentarischen und en passant gemachten Fotos erhalten durch die Übermalungen eine Erweiterung und mitunter eine energetische Aufladung. Die Listen-Texte öffnen durch ihre sprachliche Ebene über die Bildersammlung hinaus einen größeren Assoziationsraum.

Aus den ausgedruckten Fotos und Texten entstand eine Wandinstallation (siehe Foto ganz oben). Sie wird in der Gruppenausstellung "Glück im Unglück – Künstler in der Isolation" im Kunstraum hase29 in Osnabrück auch "physisch" zu sehen sein – wenn die Ausstellung irgendwann eröffnet werden darf. Vorher kann man bald einen digitalen Einblick erhalten.



Nach der Fertigstellung dieses ersten Buches machte ich weiter. Ich ging ein Jahr zurück und beschäftigte mich mit dem Projekt, das ich für eine Reise vorbereitet hatte, die mich 2019 nach Polen geführt hat. Das Ziel meiner Reise war die Stadt meiner Vorfahren mütterlicherseits. Es wurde eine Reise aus der Gegenwart in die Vergangenheit und wieder zurück in die Gegenwart. Stationen wurden dokumentiert. Begegnungen mit Menschen fanden statt. Das Projekt verlief anders als erwartet, war schwierig, scheiterte nicht, war beglückend. Ein weiteres Projekt entstand als Nebenschauplatz und Erweiterung. Die Reise entwickelte sich beim Reisen und ich mich währenddessen.

Ein Jahr nach der Reise stellte ich acht Kapitel zusammen:

Der Plan

Der Anfang

Das Ende

Das Projekt | erste Aktion

Das Projekt | zweite Aktion

Das Haus

Das Projekt | dritte Aktion

Der Gewinn

...sortierte die Fotos und schrieb kurze Texte dazu.

Das zweite Buch mit dem Titel "Frankenstein | Ząbkowice" war fertig.

Aller guten Dinge sind drei!

In diesen Corona Zeiten stellt sich manchmal Muße ein, und in einer solchen Stunde fand ich in den nahezu unendlichen Tiefen meines Archivs eine Fotoserie, die mir viel bedeutet: Fotografin des Nachlasses meiner Mutter.

2013 wurde das Arbeits- und Nähzimmer meiner damals 87-jährigen Mutter wegen ihres Umzuges in ein Pflegezentrum de-möbliert. Beim Ausräumen ihrer Schränke, Regale und Kommoden sah ich mich mit einer Vielzahl von unterschiedlichsten Schachteln konfrontiert. In ihnen hatte sie die verschiedensten Dinge angeordnet und aufbewahrt. So sind aus meiner Sicht Objekte entstanden, die auch eine ästhetische Qualität haben. In ihnen kommen ganz typische Eigenschaften meiner Mutter zum Ausdruck, die sich während ihres ganzen Lebens in verschiedenster Weise gezeigt hatten, und selbst in den in diesem Buch abgebildeten Objekten sind sie wieder zu erkennen – ihr Gefühl für Formen und Harmonie, ihr Wunsch nach Verschönerung, ihr Ordnungssinn, ihre Wertschätzung vermeintlich wertloser Dinge. Vielleicht zeigt sich darin auch die Sparsamkeit und das Bewahren-wollen der Kriegsgeneration, und möglicherweise waren der Drang zum Sammeln und Ordnen auch Erscheinungen ihrer "Demenz".

Als ich mich mit diesen Objekten beschäftigte, arbeitete ich parallel an meinem partizipativen Kunstprojekt "Lost and Found". Die gleichnamige Multimedia-Installation basiert auf Gesprächen mit Menschen im Alter von über 70 Jahren über die Fragen: "Was haben Sie in ihrem Leben verloren? Was haben Sie gefunden?" – Ein Projekt, welches das Thema Alter und letzte Lebensphase auffächert, viele Aspekte von gelebtem Leben zusammenbrachte und mich sehr bereicherte. So, wie auch der "Nachlass" meiner Mutter.

Die Texte im Buch sind tagebuchartige Notizen aus dieser Zeit, die ich bereits in einer Lesung zur Finissage meiner Ausstellung im Museum Wäschefabrik 2019 vorgetragen habe.



So sind in diesem Jahr drei Bücher erschienen.

Sie kosten jeweils 30 €. Man kann sie direkt bei mir (g@ggum.de) erwerben (books on demand).

Außerdem werden sie (erneut nach dem Lockdown!) in der Buchhandlung Eulenspiegel, Hagenbruchstraße 7,33602 Bielefeld angeboten.


Gabriele Undine Meyer

90 Tage

Wandinstallation und Bilder-Tagebuch

1.April bis 29.Juni 2020

übermalte Farbfotografien und Texte

Format: DIN A5, Leineneinband


Gabriele Undine Meyer

Frankenstein | Ząbkowice

Reise – Projekt

SW- und Farbfotografien, Text

Format: DIN A5, Leineneinband


Gabriele Undine Meyer

Nachlass

Fotografien | Texte

Format: DIN A5, Leineneinband

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