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theYoung

 

Postmoderne Philosophen und Philosophinnen wie Judith Butler heben die Erzeugung von Identitäten durch sprachliche Raster hervor, kritisieren aber auch, dass die Schablonen in unserem abendländischen denken sehr eng gefasst sind, dass sie den zahlreichen Verschiebungen und Veränderungen, die durch Wiederholungen eben auch stattfinden, nicht gerecht werden, das sie starr, gewaltvoll und normierend sind, da sie Uneindeutigkeiten und Unbestimmbarkeiten in den Identitäten ausblenden. Durch die sprachliche Wiederholung, durch das Prinzip der Performativität wird Identität produziert - gleichzeitig produziert dieses Prinzip aber immer auch Ausgrenzung und Stigma-tisierungen, legt immer auch fest, was wie sein sollte und was anders ist.

Ich erinnere mich, als Kind einmal eine solche starre Schablone mit ausgestanzten Tieren geschenkt bekommen zu haben. Die Schablone hatte den Namen "Afrika" und war so konzipiert, dass man – wenn man mit dem Stift die exakten Plastikausstanzungen entlangfuhr – ein genaues Abbild einer Giraffe, eines Elefanten, eines Nashorns, eines Affenbrotbaumes produzieren konnte. Mit dieser Technik – so die Verheißung der Schablone – könne man Afrika zeichnen. Technisch hat die Schablone funktioniert. Den individuellen und vielfältigen Bedeutungen eines Nashorns oder eines Elefanten wurde sie allerdings nicht gerecht. Ganz im Gegenteil erzeugte ihre eindeutige Linienführung, ihre Strenge und Genauigkeit eher den Eindruck, dass gerade so kein Nashorn sei, dass gerade das nicht Afrika sein könne.

Die Arbeiten von Tim Young bedienen sich der Wiederholung: Sie zeigen, wie Identitäten und Bedeutungen immer auch durch bestehende Raster und Ordnungen produziert werden, aber sie verdecken weder das Produktions-Prinzip der Wiederholung, noch blenden sie die Unklarheiten und Uneindeutigkeiten, die dabei produziert werden, aus – im Gegenteil: sie machen sie zum Programm.

Die gesprühten Schablonen von Tim Young haben keine scharfen Ränder, die Schablonengrenzen changieren zwischen mehreren Farben und öffnen sich. Ja, selbst die vermeintliche Grenze zwischen Bild und Untergrund wird in Frage gestellt. Vor allem aber zeigen die Arbeiten von Tim Young Brüche und Widersprüche auf und wenden sich dabei genau gegen die Vorstellung von einer Eindeutigkeit und Reinheit von Aussagen und Bedeutungen.

Auszüge aus der Einführung in die Ausstellung theYoung | Oh Happy Grey, 2008 von Prof. Dr. Melanie Plößer,

Fachhochschule Bielefeld

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