Vera Brüggemann

 

Diese Ausstellung dürfte es eigentlich gar nicht geben. Weil es bei genauerer Betrachtung

das Warten überhaupt nicht gibt. Ich werde das erläutern. Zu warten bedeutet, sich in einer Situation zu befinden, der ein zukünftiges Ereignis folgen soll. Dieses Ereignis kann ein gewünschtes sein, zum Beispiel die Auszahlung der Lebensversicherung oder dass das Klo frei wird, oder ein unerwünschtes, unangenehmes Ereignis, das man hinter sich bringen möchte, wie die Ankunft des Zahnarztes im Behandlungszimmer.

Das Warten ist, so möchte ich es nennen, komprimierte Existenz. Beim Warten ist man allein und auf sich selbst zurückgeworfen, seinen eigenen Gestaltungsmöglichkeiten unterworfen. Vera Brüggemann wird vermutlich auch auf irgendetwas gewartet haben, einen Umgang mit der Zeit gesucht haben oder Inspiration, was vielleicht dasselbe ist, als sie ständig die Haltestelle vor ihrem Fenster beobachtete, und dann in ihren Zeichnungen alle Wartenden schließlich wie vor einer Blackbox am Wartehäuschen vorbeiziehen ließ. Ob die Figuren dort das Warten gut aushalten oder nicht, zeigen ihre Figuren nicht. Es geht nicht darum, wie die Dargestellten ihre Situation erleben. Stattdessen erkennen wir in der Betrachtung der Bilder das oben beschriebene existenzielle Gefühl des Auf-uns-Zurückgeworfenseins in den Körperhaltungen und Accessoires der Figuren, die wir genauso einnehmen oder benutzen. So stellt sich beim Anschauen die Frage nach der eigenen Existenz, die Frage, was ich tue, welche Freiheit ich im rahmen aller mich beschränkenden Umstände habe.

Auszüge aus der Einführung in die Ausstellung "Vera Brüggemann | warten", 2019 von Ulrike Sawicki, Literaturwissenschaftlerin, Köln

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